Warum Personzentriert?


Erfahrungsbericht Dr. phil. Theresa Tondorf
Erfahrungsbericht Dr. phil. Theresa Tondorf

Theresa Tondorf besuchte die postgraduale Weiterbildung 2016 bis 2020, ist eidg. anerkannte Psychotherapeutin und arbeitet am Spital Limmattal als Psychoonkologin.

Warum ich die Postgraduale Weiterbildung in personzentrierter Psychotherapie nach Carl Rogers gewählt habe

Der personzentrierte Ansatz nach Carl Rogers kombiniert Menschlichkeit mit Weiterentwicklung. Das personzentrierte Menschenbild, das sich darauf besinnt, dass sich Menschen unter günstigen Bedingungen aus sich heraus entwickeln möchten (“Aktualisierungstendenz”), entspricht meiner persönlichen Haltung. Als ich mich während meines Masterstudiums mit den allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie auseinandersetzte, die im personenzentrierten Ansatz stark berücksichtigt werden, erkannte ich deren gewichtigen Anteil am Gelingen einer Psychotherapie. Diese Erkenntnis wollte ich auch in meine praktische psychotherapeutische Arbeit übernehmen. Ausserdem gefiel mir der Aspekt, dass eine Psychotherapieweiterbildung Wert legt auf die Weiterentwicklung ihrer Psychotherapeuten, anstatt sie nur mit Wissen zu versorgen.

Was man in der Weiterbildung lernt (und was nicht)

In den ersten zwei Jahren ist man in einer konstanten kleinen Gruppe unterwegs und wird von zwei Ausbildnern begleitet. Dabei lernt man sich selber aber auch die anderen Teilnehmer der Gruppe gut kennen. Diese Kontinuität schafft eine förderliche Umgebung, in der man sich mit seiner eigenen therapeutischen Haltung – das Arbeitsinstrument jedes personzentrierten Therapeuten – auseinander setzen und diese mit Hilfe von Diskussionsrunden, Rollenspielen und Tonbandaufnahmen weiter entwickeln kann. Generell lernt man in dieser Weiterbildung weniger das objektiv Messbare als vielmehr das menschliche Ermessen kennen. Im Gegensatz zu anderen Therapierichtungen ist der personzentrierte Ansatz nicht hoch strukturiert und überfüllt mit Wissen und Können. Man sucht vergeblich Störungskonzepte oder Anleitungen, wie man Manual getreu vorgeht. Dafür gibt es viel Raum für neue Erfahrungen und das eigene Erleben.

Was es im psychotherapeutischen Alltag bringt

Auch wenn man sich am Anfang im psychotherapeutischen Alltag aus Überforderung und Hilflosigkeit und dem Wunsch nach Kontrollierbarkeit vermeintlich einfache therapeutische Techniken wünscht, so merkt man schnell, dass eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung der Kern aller Veränderungsbereitschaft darstellt. Meine Erfahrung ist, dass Menschen von jemandem wirklich gehört werden wollen ohne bewertet oder geformt zu werden, wie Carl Rogers dies 1981 in „Der neue Mensch“ formulierte. Als Psychotherapeut jemanden wirklich zu hören, bedeutet, ihm in einer echten, wertschätzenden und empathischen Haltung zu begegnen. Wenn dies gelingt, besteht die Möglichkeit, dass sich Klienten wahrnehmen, entfalten und schliesslich sich selber sein können. Menschen in diesem Prozess zu begleiten, erlebe ich im psychotherapeutischen und psychoonkologischen Alltag als grosse Bereicherung.

Erfahrungsbericht Lorena Bartolome M Sc
Erfahrungsbericht Lorena Bartolome M Sc
Lorena Bartolome besuchte die postgraduale Weiterbildung 2016 -2019, ist Assistenzpsychologin in der Gynäkologischen Psychosomatik am Universitätsspital Basel.

„We think we listen, but very rarely do we listen with real understanding, true empahy. Yet listening, of this very special kind, is one of the most potent forces for change that I know“ – Carl Rogers

Als ich mich für eine postgraduale Weiterbildung entscheiden musste, war ich hin und hergerissen zwischen verschiedenen Psychotherapierichtung. Es war für mich von grosser Wichtigkeit eine Richtung zu wählen, die kongruent war mit meinem persönlichen Menschenbild und Störungsmodell. Im Hinterkopf hatte ich noch die wissenschaftlichen Resultate zu Therapeutenvariablen und Allegianz als wichtiger Wirkfaktor für den Erfolg von Psychotherapie.

Dieser Entscheidungsprozess gestaltete sich jedoch nicht so leicht. Immer wieder liess ich mich vom Gedanken leiten „vor allem am Anfang meiner therapeutischen Arbeit brauche ich Methoden, Sheets, Sicherheit…“ und den Aussagen von Aussenstehenden „es wird nicht einfach eine Anstellung in der Region zu finden mit einer humanistischen Therapierichtung“.

Wenn ich jetzt zurückschaue, waren diese Bedenken vollkommen unbegründet, momentan arbeite ich als Assistenzpsychologin in der Gynäkologischen Psychosomatik am Universitätsspital Basel und bald werde ich mein psychiatrisches-psychotherapeutisches Jahr in der Psychiatrie Baselland beginnen. Eine Weiterbildung zur Personzentrierte Psychotherapeutin und ein realer Arbeitskontext sind also sehr gut zu vereinbaren.

Das Fundament meiner Arbeit: Die echte und reale Beziehung. Während der pca-Ausbildung lernt man mit den Elementen (Empathie, Kongruenz und bedingungslose positive Beachtung) zu arbeiten, aufgrund dessen Psychotherapie überhaupt wirksam ist. Denn Psychotherapie wirkt, weil Beziehung wirkt. Man muss den Mut haben sich selbst als Werkzeug einzusetzen, sich in die Beziehung einzulassen und in den Entwicklungsprozess zu vertrauen. Der Ansatz ist Verändern durch Verstehen. So ist es für mich die wertvollste Rückmeldung, wenn Patienten sagen: „Ich fühle mich von Ihnen voll und ganz verstanden“.

Erfahrungsbericht Andrea Gambon M Sc
Erfahrungsbericht Andrea Gambon M Sc
Andrea Gambon absolvierte die postgraduale Weiterbildung 2016-2020, ist eidg. anerkannte Psychotherapeutin. Sie arbeitete in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Gemeinschaftspraxis in Solothurn, ist zurzeit in Mutterschaftsurlaub und plant den Schritt in die Selbständigkeit.
Warum habe ich diese Ausbildung gewählt?

Ich habe diese Ausbildung gewählt, weil ich sie als ideale Grundlage für mein therapeutisches Selbstbild betrachtet habe, auf der ich aufbauen kann. Die Ansicht, dass jeder Mensch das in ihm trägt, was für ihn gut ist und die Therapeuten Menschen in seelischer Not in ihrem Entwicklungsprozess begleiten und ihnen nicht vorschreiben, was sie zu tun haben, entspricht meinem Menschenbild sehr. Tatsächlich ist es das Menschenbild, das mich überzeugt hat. Wir fokussieren fest auf bedingungslose positive Wertschätzung, Empathie und Kongruenz bzw. Echtheit, was unsere Grundlagen und auch „Methoden“ sind. Natürlich sperre ich mich nicht anderen Methoden und Schulen gegenüber, die sehr gute Ergänzungen zu der dort vermittelten Basis für meinen therapeutischen Alltag bringen können. In erster Linie möchte ich meinen Klienten aber selbst als Mensch begegnen, was in dieser Ausbildung stark gefördert wird.

Was lernt man dabei?

Bei uns war es so, dass wir zu Beginn vor allem uns selbst kennengelernt haben, dies in Form von Gruppenselbsterfahrung. Dort haben wir über mehrere tagelange Seminare die Grundlagen des Personzentrierten Ansatzes an uns selbst erfahren und uns darauf basierend besser kennenlernen und auch weiterentwickeln können. Wir lernen, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sie zu verstehen und sie auf ihrem Werdegang zu begleiten. Wir üben, eine therapeutische Haltung einzunehmen und unsere Gespräche nicht durch persönliche Vorlieben oder Vorerfahrungen in für unsere Klienten ungute Richtungen zu leiten. Empathie, Wertschätzung etc. sind Stichworte, die die Ausbildung prägen. Natürlich lernen wir die theoretischen Grundlagen der PCA und auch viel über Rogers selbst, dennoch ist unsere Weiterbildung sehr praxisorientiert und wir arbeiten viel mit und an uns selbst. Wir diskutieren und philosophieren auch oft intensiv über die Konzepte, die uns nicht immer vollkommen stimmig oder gelegentlich auch zu kurz gegriffen erscheinen. Dabei dürfen wir natürlich auch unsere eigenen Meinungen entwickeln und vertreten, die nicht zwingend immer „PCA-konform“ sind.

Supervision und Selbsterfahrung gehören selbstredend auch dazu und es tut immer wieder gut, sich mit „Rogerianern“ auszutauschen und sich in seiner Vorgehensweise bestärkt zu fühlen, da in Kliniken doch überwiegend verhaltensorientiert gearbeitet wird und gelegentlich Missverständnisse aufkommen. Das ist auch etwas, worüber wir uns immer wieder austauschen: Das heutige Gesundheitswesen, Terminologien und Vorgehensweisen in Kliniken und Praxen, in denen wir unser Vokabular gelegentlich anpassen müssen, um verstanden zu werden.

Was bringt es mir?

Es bringt mir, meine Freude an der Zusammenarbeit mit Menschen zu behalten, mich darauf zu freuen, gemeinsam mit ihnen schwere Wege zu gehen, mich über Fortschritte zu freuen und dabei auch mich selbst zu bleiben. Ich habe mich durch diese Weiterbildung professionell und persönlich weiterentwickelt. Was ich in meinem klinisch-therapeutischen Alltag immer wieder bemerke und was mich in meiner Vorgehensweise und der Wahl der Schule bestätigt, sind die Rückmeldungen meiner Patienten, die sich verstanden und wertgeschätzt fühlen, Vertrauen fassen und sich weiterentwickeln. Die sich getrauen, in dunkle Bereiche vorzudringen, aber auch mit mir lachen können. Ein berührendes Erlebnis war für mich, von einer psychisch seit vielen Jahren schwer kranken Person ein aufrichtiges „Danke, Sie waren sehr menschlich, ich habe mich ernst genommen und verstanden gefühlt“ zum Abschied mitgeteilt zu bekommen. Die Arbeit bringt mit unendlich viele bereichernde Begegnungen und Weiterentwicklung auf Klienten- und Begleiterseite, die ich unter anderem auch der Wahl meiner Weiterbildung zuschreibe.